{"id":1057,"date":"2013-03-20T17:35:18","date_gmt":"2013-03-20T17:35:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bondvigilantes.com\/deutsch\/?p=1057"},"modified":"2013-03-20T17:35:18","modified_gmt":"2013-03-20T17:35:18","slug":"beim-blick-auf-die-konjunktur-weint-das-irische-auge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/2013\/03\/beim-blick-auf-die-konjunktur-weint-das-irische-auge\/","title":{"rendered":"Beim Blick auf die Konjunktur weint das irische Auge"},"content":{"rendered":"<p>Kurz nach dem St. Patrick\u2019s Day ist dies unserer Meinung nach der perfekte Zeitpunkt f\u00fcr ein konjunkturelles Update zu Irland.<\/p>\n<p>Im November 2010 war Irland pleite. Das Versprechen Dublins, f\u00fcr Bankenkredite geradezustehen, f\u00fchrte letztlich dazu, dass die Staatsschulden massiv angestiegen ist, bis die Regierung irgendwann nicht mehr zahlungsf\u00e4hig war \u2013 vor allem, nachdem die Renditen 8-j\u00e4hriger Staatsanleihen auf \u00fcber 7 Prozent nach oben geklettert waren (zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt gingen sie sogar auf mehr als 15 Prozent nach oben). In seiner Verzweiflung wandte sich Irland hilfesuchend an die Europ\u00e4ische Kommission, die Europ\u00e4ische Union und den Internationalen W\u00e4hrungsfonds (die so genannten \u201eTroika\u201c).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/18.png\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1091\" alt=\"1\" src=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/18.png\" width=\"856\" height=\"642\" \/><\/a><br \/>\nNach langwierigen Verhandlungen erhielt Irland von der Troika schlie\u00dflich ein internationales Rettungspaket in H\u00f6ge von 67,5 Mrd. Euro, nachdem die Renditen irischer Staatsanleihen zuvor auf neue Rekordhochs angestiegen waren. Im Gegenzug erkl\u00e4rte sich die irische Regierung damit einverstanden, den Bankensektor des Landes zu verkleinern und zu restrukturieren, damit dieser keinen \u00fcberproportional gro\u00dfen Anteil an der Gesamtwirtschaft mehr repr\u00e4sentiert. Dar\u00fcber hinaus stimmte die Regierung zu, \u00fcber vier Jahre einschneidende fiskalische und strukturelle Reformen einschlie\u00dflich Sparma\u00dfnahmen in H\u00f6he von 15 Mrd. Euro umzusetzen. Zu diesem Zweck sollten die Staatsausgaben um 10 Mrd. Euro gek\u00fcrzt und die Steuern um 5 Mrd. Euro erh\u00f6ht werden. Dieses auf drei Jahre angelegte Hilfsprogramm wird Ende 2013 auslaufen.<\/p>\n<p>Man hatte gehofft, dass Irland nach der Umsetzung dieser Reformen in der Lage sein w\u00fcrde, wieder an die internationalen Kapitalm\u00e4rkte zur\u00fcckzukehren, und dass die Anleger der irischen Regierung dann auch wieder Geld leihen w\u00fcrden. Und genau dies geschah dann in der Folge auch. So emittierte Irland zuletzt im Januar Anleihen im Wert von 2,5 Mrd. Euro mit einer Laufzeit bis 2017 und einer Rendite von 3,32 Prozent. Nun hofft man, im Jahr 2013 eine 10-j\u00e4hrige Anleihe (die m\u00f6glicherweise als Benchmark dienen k\u00f6nnte) sowie vielleicht sogar ein inflationsgebundenes Papier begeben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Irland kann die Milliarden Euro, die es von der Troika erhalten hat, nicht zur Ankurbelung seiner Wirtschaft verwenden. Vielmehr wird das Geld, das man Irland geliehen hat, von der Troika an Dublin \u00fcberwiesen, in das irische Bankensystem gepumpt und von dort an die Besitzer irischer Bankenanleihen weitergeleitet. Die einfachen Leute sehen keinen Cent davon. Dabei hatte man doch gehofft, dass das Rettungspaket auch den irischen Steuerzahlern zugute kommen und sie vor noch h\u00e4rteren Einsparungen bewahren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch wie hat sich die Realwirtschaft vor diesem Hintergrund entwickelt?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\"><a href=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/21.png\" data-rel=\"lightbox-image-1\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1092\" alt=\"2\" src=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/21.png\" width=\"857\" height=\"642\" \/><\/a><\/span><br \/>\nWie zu erwarten war, deuten alle Anzeichen momentan bestenfalls auf eine lediglich m\u00e4\u00dfige Erholungstendenz der Konjunktur hin. Im Jahreszeitraum bis September 2012 ist Irland trotz einer hohen Arbeitslosigkeit und fiskalischer Sparma\u00dfnahmen aber um 0,8 Prozent gewachsen. Betrachtet man die Beitr\u00e4ge der einzelnen Branchen zum BIP, so stellt man in den Sektoren Gro\u00df- und Einzelhandel, Transportwesen, Software und Kommunikation einen gewissen Aufw\u00e4rtstrend fest. In etwa 25 Prozent der Wirtschaftsbereiche hofft die irische Regierung, dass ein Anstieg der Nachfrage nach irischen G\u00fctern (vor allem in den Segmenten Pharma und Informationstechnologie) das Wachstum mittelfristig st\u00fctzen wird. Dabei w\u00e4re ein insbesondere gegen\u00fcber dem US-Dollar schw\u00e4cherer Euro zwar von Vorteil (weil die USA f\u00fcr Irland ein wichtiger Absatzmarkt sind, an den rund 24 Prozent der irischen Exporte gehen), momentan ist die europ\u00e4ische W\u00e4hrung aber noch nicht schwach genug.<\/p>\n<p>Da viele wichtige Industriezweige in Irland wie etwa der Pharmasektor aber \u00e4u\u00dferst kapitalintensiv sind, werden in diesen Branchen tendenziell nur wenige Mitarbeiter besch\u00e4ftigt. Dar\u00fcber hinaus befindet sich das Kapital in diesen Segmenten gr\u00f6\u00dftenteils in der Hand ausl\u00e4ndischer Investoren, so dass die Gewinne der entsprechenden Firmen Irland verlassen. Deshalb ist das Bruttosozialprodukt, bei dem Einnahmen von Ausl\u00e4ndern nicht ber\u00fccksichtigt werden, ein wesentlich aussagekr\u00e4ftigeres Barometer f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung Irlands. Und auf Basis dieser Kennzahl l\u00e4uft es in Irland nicht allzu gut, denn die Wirtschaftsleistung liegt nach wie vor deutlich unter dem Vorkrisen-Trend.<\/p>\n<p>Die obige Grafik illustriert anschaulich den Boom im Immobilien- und Bausektor, welcher der Finanzkrise aus dem Jahr 2008 vorausging. Im M\u00e4rz 2007 erreichten die Aktivit\u00e4ten am Immobilienmarkt sowie im Baugewerbe dann ihren H\u00f6hepunkt und sind seitdem in realen Zahlen um 65 Prozent gesunken. Obwohl diese Branchen im h\u00f6chsten Fall etwa 7,5 Prozent der irischen Wirtschaft repr\u00e4sentierten, zeigen dieser Boom sowie das anschlie\u00dfende Platzen der Blase aber den starken Multiplikator-Effekt, den der Immobilienmarkt auf eine Konjunktur aus\u00fcben kann (einen Aspekt, den wir <a href=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/2021\/12\/28\/die-fiskalische-klippe-ist-zwar-sicherlich-beunruhigend-doch-dieses-problem-wird-wahrscheinlich-gelost-werden-ignorieren-sie-deshalb-nicht-die-extrem-positiven-entwicklung\/?noredirect=de\" target=\"_blank\">hier <\/a>bereits ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert hatten).<\/p>\n<p>Betrachten wir nun die Lage am Arbeitsmarkt, an dem der Abw\u00e4rtstrend im letzten Jahr gestoppt werden konnte. Die Arbeitslosigkeit betr\u00e4gt derzeit 14,2 Prozent, nachdem sie einen H\u00f6chststand von 15,0 Prozent erreicht hatte. Viele Beobachter werten diese Verbesserung am Arbeitsmarkt als ein Anzeichen f\u00fcr eine Erholung der irischen Wirtschaft. Wir sind da allerdings nicht so sicher.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\"><a href=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/31.png\" data-rel=\"lightbox-image-2\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1093\" alt=\"3\" src=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/31.png\" width=\"855\" height=\"638\" \/><\/a><\/span><br \/>\nAuf Basis einer konstanten Erwerbsquote mit Stand September 2008 betr\u00e4gt die Arbeitslosigkeit mittlerweile n\u00e4mlich fast 19,5 Prozent und ist damit ganze 5,3 Prozent h\u00f6her als die aktuelle Arbeitslosenquote von 14,2 Prozent vermuten l\u00e4sst. Dies entspricht etwa 140.000 Menschen. Aber wo sind die hin?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/4.png\" data-rel=\"lightbox-image-3\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1094\" alt=\"4\" src=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/4.png\" width=\"857\" height=\"642\" \/><\/a><br \/>\nDie Nettomigrationszahlen deuten darauf hin, dass zwischen 2009 und 2012 insgesamt 87.000 Menschen, die meist zwischen 15 und 44 Jahre alt waren, Irland verlassen haben. Mit dieser Nettoabwanderung, einer r\u00fcckl\u00e4ufigen Erwerbsquote sowie einer zunehmendem Zahl entmutigter Arbeitnehmer l\u00e4sst sich der R\u00fcckgang der irischen Arbeitslosenquote durchaus erkl\u00e4ren. Der Arbeitsmarkt erholt sich also gar nicht. Vielmehr ist die Zahl der Besch\u00e4ftigten in Irland von ihrem H\u00f6chststand von 2,16 Millionen aus dem III. Quartal 2007 bis Ende 2012 auf 1,85 Millionen gesunken.<\/p>\n<p>Man hat bereits viel \u00fcber die interne Abwertung, die zurzeit in Irland stattfindet, geh\u00f6rt. Diese Entwicklung betrachtet man als Anzeichen daf\u00fcr, dass Irland innerhalb der Weltwirtschaft wieder wettbewerbsf\u00e4higer wird. Zugegeben, die Lohn-St\u00fcck-Kosten sind von ihrem Zenit aus dem IV. Quartal 2008 bis zum III. Quartal 2012 um 16 Prozent zur\u00fcckgegangen. Dies kaschiert jedoch den j\u00fcngsten Trend eher. Denn zwischen dem I. Quartal 2010 und dem III. Quartal 2012 sind die Lohn-St\u00fcck-Kosten um lediglich 3,4 Prozent gesunken, w\u00e4hrend sie zwischen dem I. Quartal 2011 und dem III. Quartal 2012 sogar seitw\u00e4rts tendiert sind. Der Umstand, dass die Lohn-St\u00fcck-Kosten in den letzten Jahren nur sehr schleppend zur\u00fcckgegangen sind, spricht daf\u00fcr, dass es wohl noch mindestens ein Jahrzehnt dauern wird, bis Irland wieder konkurrenzf\u00e4hig ist. Dabei gilt Irland innerhalb der Eurozone als ein Land mit einem vergleichsweise flexiblen Arbeitsmarkt. Welche Hoffnung gibt es dann aber \u00fcberhaupt noch f\u00fcr Italien, Griechenland, Spanien oder Portugal mit ihren relativ unflexiblen Arbeitsm\u00e4rkten?<\/p>\n<p>Wir machen uns um die irische Wirtschaft wirklich gro\u00dfe Sorgen. Ben\u00f6tigt werden Ankurbelungsma\u00dfnahmen, keine Einsparungen. Denn ohne ein Konjunkturpaket wird das Wirtschaftswachstum in Irland (entgegen der Prognosen des IWF \u2013 siehe auch <a href=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/2021\/12\/17\/griechenland-als-sich-am-starksten-entwickelndste-europaische-volkswirtschaft-im-jahr-2016-und-weitere-haarstraubende-prognosen-des-iwf\/?noredirect=de\" target=\"_blank\">hier<\/a>) auf absehbare Zeit unter dem langfristigen Durchschnitt bleiben. Beginnen k\u00f6nnte man beispielsweise damit, dass man einen Teil des Erl\u00f6ses, der aus der Aufnahme von Krediten zu extrem niedrigen Zinsen an den Kapitalm\u00e4rkten resultiert, f\u00fcr die Ankurbelung der Wirtschaft einsetzt. Das 2,25 Mrd. Euro schwere Konjunkturprogramm aus dem letzten Juli war zwar ein guter Anfang, doch es braucht noch viel, viel mehr davon. Wie w\u00e4re es beispielsweise, \u00e0 la Bernanke in gro\u00dfem Stil Geld in die Wirtschaft zu pumpen? Oder wenn man jedem der sch\u00e4tzungsweise 4,5 Millionen Einwohner Irland einfach 200 Euro in die Hand dr\u00fccken w\u00fcrde? Das w\u00fcrde lediglich 900 Mio. Euro kosten. Oder man senkt die Einkommenssteuer, f\u00f6rdert Investitionen und die Vergabe von Krediten. Baut die Infrastruktur aus. Schafft Arbeitspl\u00e4tze. Nimmt die Sparma\u00dfnahmen zur\u00fcck.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\"><a href=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/5.png\" data-rel=\"lightbox-image-4\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1095\" alt=\"5\" src=\"https:\/\/bondvigilantes.com\/deutsch\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2021\/12\/5.png\" width=\"856\" height=\"640\" \/><\/a><\/span><br \/>\nOder wie w\u00e4re es, wenn man das aufgenommene Geld f\u00fcr einen Schuldenerlass verwenden w\u00fcrde, um so die Hauseigent\u00fcmer zu entlasten. Man k\u00f6nnte beispielsweise einen Weg finden, damit Immobilienbesitzer von den derzeit niedrigen Zinsen profitieren und ihre Kredite trotz der Hypothekenbelastung ihrer H\u00e4user refinanzieren k\u00f6nnen, indem man eine gro\u00df angelegte Refinanzierungsaktion initiiert.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, ich wei\u00df. Was ist mit dem Vertrauensverlust in die Kreditw\u00fcrdigkeit Irlands? Was ist mit dem kr\u00e4ftigen Anstieg der Staatsanleihenrenditen? Nun, hoffentlich w\u00fcrden die Ankurbelungsma\u00dfnahmen wirken. Und abgesehen davon hat EZB-Pr\u00e4sident Mario Draghi doch versprochen, \u201ealles Notwendige\u201c zu tun. Und wir glaubten ihm, als er sagte: \u201eUnd glauben Sie mir, es wird ausreichen\u201c.<\/p>\n<p>Doch falls sich Irland auch weiterhin Sparma\u00dfnahmen auf die Fahne schreibt, wird das irische Auge bei einem Blick auf die Wirtschaft des Landes zumindest im n\u00e4chsten Jahrzehnt wohl kaum wieder lachen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz nach dem St. Patrick\u2019s Day ist dies unserer Meinung nach der perfekte Zeitpunkt f\u00fcr ein konjunkturelles Update zu Irland. Im November 2010 war Irland pleite. 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